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Ein kleines Spiegellos-AF-Problem

veröffentlicht am 10.10.2021 in * FOTOTECHNIK *

Inhaltsverzeichnis

 

Am 25. August kam ein Video von Steve Perry heraus, in dem er sich mit dem aktuellen Stand der Spiegellos-Technik beschäftigt.

Die Pro/Contra-Liste eines Profis

Er stützt sich dabei auf seine Erfahrungen “draußen im Feld” mit den jeweils aktuellsten Kameras der drei großen Hersteller: Canon (R3), Sony (A1) und Nikon (Z6II/Z7II).

Pro / Vorteile der Spiegellosen

  1. größere AF-Abdeckung (DSLR deckt nur einen Teil des Suchers mit AF-Feldern ab)
  2. Tracking: Verfolgung bei bewegten Motiven
  3. Augenerkennung (Anm: wenn einmal das Motiv “gefangen” ist, werden scharfe Bilder bei Bewegungen einfacher)
  4. Geräuschloser Verschluss (nützlich bei sehr sensiblen Tierarten)
  5. Schnellere Seriengeschwindigkeit (20fps), insbesondere hilfreich bei schnellen Start- und Landeflugszenen
  6. WYSIWIG (verhindert versehentliche Belichtungs-Fehleinstellungen)
  7. i. d. R. kein Front-/Back-Fokus, kein Abgleich nötig
  8. keine Bildunterbrechungen beim Auslösen (bei einigen Top-Modellen)
  9. für Brillenträger: keine Probleme mit Lesebrille, alles ist im Sucher zu erledigen (und der hat Dioptrienausgleich)

Contra / Nachteile der Spiegellosen

  1. Langsamer Start, selbst aus Standby braucht die Kamera 1/2 sec. (DSLR ist sofort auslösebereit nach Einschalten) - hier muß man abwägen zwischen Batterielebensdauer und dem Risiko, Aufnahmen zu verpassen
  2. Suboptimale Sucher-Erfahrung: Verzögerung zwischen Motiv/Aktion und Sucherbild
  3. Batterie-Lebensdauer (wird besser bei aktuellen Kamera-Generationen, aber: die Batterien werden nicht durch fotografieren verbraucht, sondern durch das Beobachten der Szene durch den Sucher, bevor und bis etwas passiert)
  4. Noch begrenztes Objektivangebot (insbesondere am Gebrauchtmarkt)
  5. Größe (unkomfortabel, insbesondere mit großen Objektiven)
  6. keine Kreuzsensoren beim AF, Liniensensoren verursachen gelegentliches “Pumpen”
  7. Spiegellose bevorzugen den Hintergrund (wenn einmal auf den Hintergrund gesprungen ist es sehr schwer, wieder zum Objekt zurückzukehren) - manuelles Vorfokussieren nötig
  8. Preis ist höher - gebrauchte DSLR liefert oft ähnliche Performance zu besserem Preis

Die Test-Szenerie

Vor einiger Zeit hatte derselbe Autor gezeigt, wie der Nikon FTZ-Adapter aus einem schnellen DSLR-Objektiv ein langsames Objektiv an einer Spiegellosen macht. Dies wollte ich nachvollziehen, und so entstand das folgende Setup:

Der Aufbau

An einem sonnigen Sommertag steht das Objektiv (3 verschiedene Objektive, um genau zu sein: 70-200/2.8, 500/5.6 und 400/2.8 mit und ohne 1,4x-Konverter) auf dem Stativ. Die Kamera ist im Hochformat ausgerichtet.
A propos Kamera: Hier liegt die Priorität auf dem Vergleich der Z7 mit der D850. Aber spaßeshalber hab ich auch noch meine 11 Jahre alte D700 mit ins Rennen geschickt …
Es gibt zwei Ziele: das Motiv im Nahbereich und ein entferntes Motiv, auf letzteres wird die Kamera zunächst scharf gestellt wird.

Im zweiten Schritt wird der AF-Punkt auf das Motiv im Nahbereich verschoben und die Zeit bestimmt (aus einer Videoaufnahme), bis der Fokussiervorgang vom Fern- zum Nahziel abgeschlossen ist.

Die Motive und die Entferungen:

die erste (erfolglose) Serie

“richtiges Tele”

Eigentlich hätte ich hier gern eine Serie gezeigt: Jede Kamera in Verbindung mit jedem der genannten Objektive. Wir haben uns jede Mühe gegeben, alle AF-Modi der Z7 durchgetestet, das beste Ergebnis sah so aus (eingestellt im sog. PIN-Modus):


“zahmes Tele”

Nachdem die Z7 unter den gegebenen Testverhältnissen relativ hilflos aussah, haben wir den Versuch mit einem Nikkor 2.8/70-200G bei 200mm wiederholt:


Hier findet auch die Spiegellose sehr zügig den Schärfepunkt auf das nahe Objekt.

geänderter Testaufbau

Nachdem sich anhand des ursprünglichen Aufbaus keinerlei sinnvolle Ergebnisse erzielen ließen, habe ich den Testaufbau leicht modifiziert:

Hier ließ sich jetzt ein Vergleich tatsächlich erstellen. Während in Echtzeit sichtbar ist, daß beide Kameras sehr schnell das Objektiv in Sollposition bringen, werden die Unterschiede erst sichtbar in der Zeitlupe (0,1x).


Die Nikon Z7 “dreht das Objektiv” zwar etwas langsamer, aber nicht in dem Maße (Faktor 2 und mehr), wie das Steve Perry festgestellt hatte. Er hat aber auch nicht das 400/2,8 getestet.

Fazit

Mehr als die reine Geschwindigkeit, mit der die Linsengruppen im Objektiv bewegt werden, scheint mir die Tatsache ein Problem darzustellen, ob die Kamera überhaupt ein Motiv erkennt und den Fokussiervorgang startet.
Evtl. wird der Spiegellos-Fotograf lernen müssen, blitzschnell von Hand das Objektiv vorfokussieren zu können.

697 Worte - Lesezeit: 4 Minute(n)

 

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Disclaimer

Ich kaufe mein fotografisches Werkzeug beim Fotohändler meiner Wahl/meines Vertrauens als normaler Kunde. Wenn ich hier über das von mir eingesetzte Material schreibe, dann geht es dabei um die Erfahrungen, die ich in der praktischen Arbeit damit sammle.