Kameraabsatz 2020 - Auch die Spiegellosen sind nicht Corona-sicher
veröffentlicht am 05.02.2021 in * FOTOTECHNIK *
Inhaltsverzeichnis
Am 01. Februar hat die CIPA (Camera & Imaging Products Association) die Dezemberzahlen 2020 (Produktion, Verschiffung und Preise) des Kameramarktes veröffentlicht.
Damit stehen auch die Zahlen für das Gesamtjahr 2020 fest. Hier sind weltweit die Stückzahlen massiv eingebrochen - bei den DSLR ein Rückgang von 47% zum Vorjahr, bei den Spiegellosen um 26%. Während die Durchschnittspreise der DSLR dabei konstant blieben, wurden die Spiegellosen erneut deutlich teurer (einem Stückzahlrückgang von 26% stand ein Rückgang des Umsatzes von nur 12,5% gegenüber).
Ebenfalls interessant: in Japan und Rest-Asien (außer Japan und China), wo in den vergangenen Jahren der Anteil der Spiegellosen besonders hoch war, ist auch der diesjährige Rückgang in diesem Segment besonders hoch: 40% in Japan und 46% in Rest-Asien.
Auch weiterhin gilt insbesondere für die Spiegellosen: von einem (immer wieder herbeigeschriebenen) Preisverfall durch weitere Anbieter ist auch (noch?) nichts zu sehen, im Gegenteil: die Durchschnittspreise pro Stück steigen weiter …
Verschiffungsszahlen und Preise auf dem Kameramarkt
Bei den Auswertungen im Anschluß habe ich mich auf diese beiden Gruppen (Systemkameras) beschränkt, die Kompaktkameras bleiben wie bisher außen vor.
(Für analoge Kameras wird zwischen “FP-Shutter” (Focal Plane Shutter, der Schlitzverschluß zählt dazu) und “Lens Shutter” unterschieden, die Spiegelreflex-Modelle fallen in die erste Kategorie, auf die ich mich bei der Auswertung der Zahlen beschränkt habe)
Vergleiche zwischen Spiegelreflex- und Spiegellos-Zahlen
Verschiffungszahlen weltweit
Der Einbruch im Gesamtvolumen hat sich deutlich verstärkt:

Der Verlust geht zwar zum größeren Teil auf das Konto der DSLRs, aber während in den vergangenen Jahren die Spiegellosen zumindest auf gleichem Niveau vor sich hinstagnierten, haben sie dieses Jahr ebenfalls einen erheblichen Anteil am Einbruch.
Durchschnittsverkaufspreise weltweit

In der Preisentwicklung gibt es keine Neuigkeiten. Die Kamerapreise bei den Systemkameras entwickeln sich auseinander, bei den Spiegellosen sind deutlich Preisanstiege zu beobachten, den Spiegelreflex-Kameras sind heute die Durchschnittspreise nicht höher als vor 8 Jahren.
Das dürfte überwiegend daran liegen, daß die klassischen Montagekosten heute den geringsten Teil am Produktpreis ausmachen. Großer Faktor bei den Herstellkosten sind Bauteilekosten, aber vor allem die Fixkosten der Entwicklung.
Letztere sind bei DSLM extrem hoch. Der Spiegel ist ausentwickelt, der Aufwand für ein AF-Modul vergleichsweise überschaubar.
Aber: der Aufwand, ein “Fernsehbild” für den Sucher in Echtzeit ohne Stromverbrauch in hohen Wiederholraten zu erzeugen, damit man überhaupt was sehen kann im Sucher, da steckt eine Menge “Software-Geknautsche” in Kombination mit vergleichsweise teurer Hardware (Prozessor und Arbeitsspeicher) dahinter.
Und weil die Stückzahlen seit Jahren stagnieren im DSLM-Markt, die Zahl der Anbieter aber steigt, müssen logisch die Preise überproportional steigen, die Fixkosten müssen ja wieder reinkommen.
Verschiffungszahlen Europa

Auch in Europa sind die Verkäufe signifikant eingebrochen, bei den DSLR ein Rückgang von 44% zum Vorjahr, bei den Spiegellosen um 25%.
Durchschnittsverkaufspreise Europa

Auch bei der Preisentwicklung in Europa ergibt sich nix Neues: in den letzten 8 Jahren haben sich die durchschnittlichen Spiegellos-Preise auf das Zweieinhalbfache erhöht, die der DSLRs liegen dagegen nur knapp über dem Niveau von 2012.
Hinweise zu den Preisen
Wechselkurse
Diese Betrachtung ändert sich auch nicht wesentlich, wenn man den Wechselkurs YEN - EUR betrachtet:
- 2012: 1 EUR entspr. rd. 100 YEN
- 2020: 1 EUR entspr. zwischen 114 und 126 YEN
Bezugsbasis
Die von der CIPA veröffentlichten Preise sind - wenn es um Produktionszahlen geht - die Ab-Werk-Versandpreise.
Beziehen sich die Preise auf die Verschiffungszahlen (und diese Preise habe ich hier in den Grafiken verwendet), dann sind damit die sog. Preise FOB gemeint:
Die Ware wird vom Hersteller zum angegebenen Preis im Verschiffungshafen bereitgestellt, die Ausfuhrformalitäten sind erledigt. Der Käufer hat den Transportvertrag auf eigene Kosten abzuschließen, hier fallen dann die Frachtkosten, Schiffsmaklerspesen und -provisionen, Umladekosten im Schiff (sog. Stau-Kosten) etc. separat an.
Bewertung
Insgesamt hat sich aus meiner Sicht nichts gegenüber der Analyse im letzten Bericht geändert.
Wie bereits oben geschrieben ist es kein Wunder, daß insbesondere die Preise der Spiegellosen weiter anziehen - wie sollte es auch anders sein, wenn ein schrumpfender Kuchen (Gesamt-Fotomarkt) auf immer mehr Akteure verteilt werden soll - die Aufwendungen für die Entwicklung fallen nun mal pro Kameratyp an und nicht pro verkauftem Stück. Kleinerer Anteil am Kuchen führt also zwingend zu höherer Umlage pro verkauftem Stück. Fallende Preise kann ich mir in einer solchen Marktsituation nur vorstellen, wenn einer oder mehrere der Akteure, die finanziell sehr gut aufgestellt sind, über eine gewisse Zeit “auf Verlust fahren”, um die Zahl der Anbieter zu “bereinigen”. Eine solche Preissenkung wäre aber nur von begrenzter zeitlicher Dauer.
Sondereffekte durch Corona(?)
Ein guter Teil des in diesem Jahr stark beschleunigten Abwärtstrend im Bereich der Systemkameras dürfte auf die Corona-Pandemie zurückzuführen zu sein.
-
Profi-Fotografen sind besonders durch die Lockdown- und Kontaktbeschränkungsmaßnahmen betroffen:
- Konzert- und Theaterfotografen: alles zu
- Hochzeitsfotografen: schwierig
- Sportfotografen: Stadien zu
- Pressefotografen: Typische Anlässe werden vielerorts durch Videokonferenzen ersetzt.
Ein Profi kauft dann ein (neues) Ausrüstungsteil, wenn
- das alte abgeschrieben oder defekt ist oder
- das neue Teil Eigenschaften besitzt, die für einen Auftrag zwingend erforderlich sind.
Wenn aber die Aufträge selbst Mangelware sind … schlecht für die Geräteproduzenten …
Übrigens: ein Gefühl dafür, wie langsam der Austausch der Gerätschaften bei Profi-Fotografen vonstatten geht, liefert eine Auswertung der eingesetzten Kameras für die Gewinner-Fotos des diesjährigen World Press Photo Awards. -
Freizeit/Hobby: hier sitzt vielen Leuten das Geld auch nicht mehr so locker in der Geldbörse:
- diejenigen, die noch einen Job haben, warten erstmal ab, wie sich die wirtschaftliche Situation weiterentwickelt
- gleiches gilt für nicht-fotografisch Selbständige
- und wer seinen Job verloren hat oder Insolvenz anmelden mußte, für den ist die Fotoausrüstung sicherlich eines der letzten Probleme, mit denen er sich beschäftigt.
Insoweit sind die obigen Zahlen nichts Überraschendes … und ob das laufende Jahr viel besser wird, das muß sich auch erst noch zeigen.
Was bleibt?
Nach fetten Jahren müssen sich alle wieder mit einem Normalniveau der Verkaufszahlen abfinden, der Digital-Nachholbedarf ist vorbei, und mit den Spiegellosen allein läßt sich kein Hype aufziehen wie damals beim Wechsel Analog => Digital, insbesondere weil man da mittelfristig ja wirklich alles neu kaufen muß (beim Wechsel Analog-Digital hab ich als Nikon-Kunde ja immerhin alle meine Objektive an demselben Bajonett weiterverwenden können).
Kritisch wird’s aus meiner Kundensicht aber, wenn die digitalen Systemkameras insgesamt mal unter das Niveau der analogen Zeit gefallen sein werden - denn dann lautet die Frage einfach: hat die Fotografie wie wir sie kennen überhaupt eine Zukunft - oder sieht diese Zukunft (in Abwandlungen) so aus?
Daher nutze ich jetzt das sonnige Wetter draußen und nehme meine traditionelle DSLR und bin dann mal weg … 😆 😎
CIPA:
Hintergründe
Die CIPA (Camera & Imaging Products Association) als internationaler Industrieverband führt seit vielen Jahren Statistiken, seit 2012 listet sie nicht nur System- und Kompaktkameras getrennt auf, sondern unterscheidet auch zwischen Reflex- und Spiegellos-Systemkameras.
Zugegebenermaßen ist die Zusammensetzung sehr Japan-lastig, aber die Hauptakteure im Kamera-Bereich sind auch alle in Japan ansässig, insoweit kann man mit gewissen Ungenauigkeiten durchaus ein generelles Bild ableiten.
Liste der Mitglieder
List of Members 2018/2019
Regular Members
Canon Inc.
Panasonic Corporation
CASIO COMPUTER CO., LTD.
Ricoh Company, Ltd.
FUJIFILM Corporation
SEIKO EPSON CORPORATION
HOYA CORPORATION
SIGMA CORPORATION
Kenko Tokina Co., Ltd.
Sony Imaging Products & Solutions Inc.
NIDEC COPAL CORPORATION
Tamron Co., Ltd.
Nikon Corporation
Xacti Corporation
OLYMPUS CORPORATION
A total of 15 companies
Supporting Members
Adobe Systems Incorporated
HUAWEI TECHNOLOGIES JAPAN K.K.
ALPS ELECTRIC CO., LTD.
ImageLink, Inc.
Analog Devices KK
KYORITSU ELECTRIC CO., LTD.
AOI Development Center, Ltd.
Microsoft
Apple, Inc.
Morpho, Inc.
Brother Industries, Ltd.
Nissin Japan Ltd.
Carl Zeiss Co., Ltd.
Panasonic Photo & Lighting Co., Ltd.
COSINA Co., Ltd.
Samsung Electronics Co., Ltd.
Dai Nippon Printing Co., Ltd.
Shibakawa Manufacturing Co., Ltd.
Dolby Japan K.K.
Tessera, Inc.
FUJITSU LABORATORIES LTD.
Toshiba Memory Corporation
Fuji Xerox Co., Ltd.
TSUBOSAKA ELECTRIC CO., LTD.
Special Members
Japan Camera Industry Institute (JCII)
Society for Imaging Science and Technology (IS&T)
The Society of Photography and Imaging of Japan (SPIJ)
1281 Worte - Lesezeit: 7 Minute(n)
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